1920, Der erste Subbotnik im Kreml

Bontsch-Brujewitsch, Wladimir: „Auf Kampfposten in der Revolution“, Berlin 1983

1920

Bontsch Brujewitsch, ein Mitkämpfer Lenins, läßt den Leser in seinem Buch an den Ereignissen während der sozialistischen Revolution und danach in der jungen Sowjetunion teilnehmen.

Natürlich kommen auch einige Anekdoten zu Sprache, die nicht unmittelbar mit dem Kampfgeschehen zu tun haben, dennoch zur Abrundung des Bildes der damaligen Zeit betragen.

Subbotnik ist ein freiwilliger Arbeitseinsatz der Bevölkerung um gesellschaftlich notwendige Arbeit zu erledigen.

Es ist natürlich schwierig eine ganze Bevölkerung sinnvoll mit einer notwendigen Arbeit zu beschäftigen. Es soll ja keine Sonderschicht sein. Daher waren es meistens einfache handwerkliche Arbeiten. In den Neubaublöcken wurden meistens die Treppenhausfenster geputzt, die Blumenbeete hergerichtet und neu bepflanzt, die Bürgersteine gereinigt und Zaun gestrichen oder die zahlreichen Spielplätze. Später im Studium haben wir unseren Sportraum sauber gemacht. Die Frauen haben die Gardinen gewaschen Fenster geputzt und Kuchen gebacken, die Männer die Geräte auf den Hof gebracht, die Bude gereinigt und einige Hanteln und Geräte neu gestrichen. Anschließend war gemütliches Beisammensein.

Kontaktbeschränkungen gab es nicht.

Subbotnik war immer der erste Sonnabend nach Thälmanns Geburtstag, also Ende April.

„…….. Der erste Subbotnik im Kreml

Der 1. Mai sollte in Moskau ganz anders gefeiert werden als früher. Der Arbeitselan unter den Massen war derart groß, daß alle mit ungewöhnlicher Begeisterung dem Aufruf folgten, statt zur üblichen Demonstration zum ersten Subbotnik zu gehen. Besonders die Jugendlichen freuten sich. Vom frühen Morgen an zogen Kolonnen des Moskauer Proletariats, Werktätige und Angestellte, mit revolutionären Liedern in die verschiedensten Richtungen.

Wladimir Iljitsch liebte den I. Mai, den frühlingshaften und frohen proletarischen Weltfeiertag, sehr und nahm immer an ihm teil. In diesem Jahr nun, als die Massen selber nach neuem, kollektivem Schaffen strebten, freute er sich doppelt und rief alle auf, sich rege am ersten Subbotnik zu beteiligen.

Im Kreml war an diesem Tag schon sehr früh Betrieb. Alle hatten gute Laune, waren einfach und nach Arbeiterart gekleidet, taten sich zu Gruppen, Trupps und Kolonnen zusammen und zogen unter Musik und Gesang dorthin, wo sie sich am gemeinsamen Werk beteiligen sollten. Die Rotarmisten des Kreml führten ihren Subbotnik im Kreml durch. Dort gab es viel zu tun. Auf dem Kremlplatz traten sie an.

Punkt neun Uhr verließ Wladimir Iljitsch sein Arbeitszimmer, trat hinaus auf den Platz vor den Kasernen, ging zu dem Kommandeur der Einheit, salutierte wie ein Soldat und sagte:

»Genosse Kommandeur, gestatten Sie, daß ich mich zur Teilnahme am Subbotnik Ihrer Einheit anschließe.«

Der Kommandeur war sichtlich verwirrt. Er konnte und wollte Wladimir Iljitsch nichts abschlagen, andererseits aber durfte er auf Grund der Dienstvorschrift niemanden, schon gar nicht einen Zivilisten, in die ihm anvertraute Einheit aufnehmen.

Für eine Sekunde herrschte Verlegenheit, dann aber sagte er, und seine Augen funkelten vor Freude: »Bitte! Nehmen Sie am linken Flügel Aufstellung, Wladimir Iljitsch !«

Wladimir Iljitsch ging zum linken Flügel und reihte sich ein.

Auch wir, mehrere weitere Genossen, reihten uns mit ein. Durch die Reihen der Rotarmisten ging ein zustimmendes Gemurmel. Sie waren glücklich, Wladimir Iljitsch bei sich zu haben.

Es war ja noch kein Jahr vergangen seit der gräßlichen Verwundung Wladimir Iljitschs durch die Sozialrevolutionärin Kaplan, und wir wußten nur allzugut, daß er seinen Arm noch nicht wieder richtig gebrauchen konnte. Wir befürchteten sehr, er könnte sich schaden.

Dann ertönte ein Kommando. Wir schlossen zu Zweierreihen auf, schwenkten rechts ab und marschierten mit Musik zum Arbeitsplatz. Der Platz war von herumliegendem Baumaterial zu säubern. Es mußte ziemlich weit transportiert und nach Sorten gelagert werden. Da lagen Bretter, Balken, Leisten, Schwellen, Loren und Brennholz.

An der Arbeitsstelle angelangt, machten sich alle gemeinsam rasch ans Werk. Wir alle wollten Wladimir Iljitsch nur für die leichtesten Arbeiten einsetzen. Aber ach! Davon wollte er absolut nichts hören. Er griff bei den Balken mit zu, schob seine Schulter darunter und beteiligte sich zünftig und hingebungsvoll so richtig an der allerschwersten Arbeit. Dabei sang er die revolutionären Marschlieder mit, die über den ganzen Platz schallten. Diesem ersten Subbotnik, dieser kollektiven Arbeit und neuen Form des Schaffens der Massen, maß er besonders große Bedeutung bei. Er ruhte sich nur aus, wenn eine fünfrninütige Rauchpause eingelegt wurde. In diesen fünf Minuten stand er im Mittelpunkt des Interesses. Man umringte ihn, er scherzte, lachte, fragte, erzählte und fühlte sich sichtlich wohl.

Vom Kreml ging telefonisch durch ganz Moskau die Kunde, daß Wladimir Iljitsch am Subbotnik teilnahm und mit den anderen zusammen arbeitete. Diese freudige Nachricht wurde überall mit Jubel und lauten Hurrarufen aufgenommen. Die Teilnehmer am Subbotnik strengten sich noch einmütiger an, ihren Arbeitsplan zu überbieten.

Im Kreml wurde ohne Mittagspause bis vier Uhr gearbeitet.

Dann ertönte das Kommando: »Antreten!« Wladimir Iljitsch stellte sich wieder an den linken Flügel und marschierte mit der Einheit über den Platz zu den Kasernen. Als die Einheit vor dem Gebäude des Rates der Volkskommissare und des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees Aufstellung nahm, verließ Wladimir Iljitsch die Reihen und hielt eine kurze Ansprache an die Rotarmisten, in der er die Bedeutung der heutigen Maifeier in ihrer neuen Gestalt – dem ersten kommunistischen Subbotnik – würdigte. Er sprach davon, daß wir nur in einem solchen großen Kollektiv, im Kollektiv der Werktätigen des ganzen Landes, alle Schwierigkeiten und Hindernisse auf unserem Wege meistern würden. Nur durch gemeinsame Anstrengungen würden wir der Zerrüttung Herr werden, die uns die Zarenherrschaft, die unfähige Provisorische Regierung und der alte, versöhnlerische menschewistisch-sozialrevolutionäre Sowjet der Arbeiterdeputierten, dem das arbeitende Volk nicht folgen wollte, als Erbe überlassen hätten. Das Volk habe nun selber die Macht in seine Hände genommen, und wir müßten sie in die Tat umsetzen.

Seine kurze Rede war feurig, mitreißend und packend. Der Jubel der Rotarmisten und der Arbeiter, die zu dieser unerwarteten Kundgebung hinzukamen, wollte kein Ende nehmen. Dann ging Wladimir Iljitsch forschen Schrittes nach Hause. Am Treppenaufgang drehte er sich noch einmal um, lächelte freundlich, winkte mit seiner Mütze und verschwand in der Tür…….“

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