1919, Dekret über die Beseitigung des Analphabetismus

Alexej Tolstoi, „Der Leidensweg“, Moskau 1984

1919

In dieser Trilogie beschreibt Tolstoi die Ereignisse in Rußland und der jungen Sowjetunion in den Jahren 1913 bis 1920 aus der Sicht von zwei jungen bürgerlichen Frauen. Nach der siegreichen Oktoberevolution (1917) wurde die Sowjetunion in den Interventionskriegen von 16 imperialistischen Staaten angegriffen, die die einheimische Konterrevolution direkt unterstützten.

Die weitsichtige Politik der Bolschewiki in dieser Zeit zeigt sich darin, dass unter schwierigsten Bedingungen mit der Beseitigung des Analphabetismus begonnen wurde.

Das “ Dekret über die Beseitigung des Analphabetismus“ wurde im Dezember 1919 von Lenin unterschrieben. Bis 1939 gelang es den Regierungen unter Lenin (bis 1924) und anschließend unter Stalin den Analphabetismus für ca. 87 % der Bevölkerung zu beseitigen. (Quelle: Die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken, Handbuch, Leipzig 1979)

Im Zuge dieser Kriegswirren geriet Katja, eine der beiden Schwestern, auf der Suche nach ihrer großen Liebe, einem ehemaligen zaristischen Offizier in das Gebiet der heutigen Ukraine. Um zu überleben musste sie sich dem reichen Bauern Alexej anschließen, der sie als sein persönliches Eigentum betrachtete. In dieser Situation erobert die Rote Armee unter Jakow das Dorf.

“ …..Ich fahre nicht mit!

Alexej trat auf sie zu, seine geblähten Nasenflügel wurden weiß.

,,Allein laß ich dich nicht zurück, mach dir keine Hoffnung. Nicht dazu hab ich dich Hündin aufgefüttert, daß dich ein anderer deckt … Zuckerpüppchen … Ich bin dir noch nicht auf die Haut gerückt, stöhnen wirst du, du Aas, wenn ich dir Arme und Beine ausrenke“

Er packte Katja mit seinen stählernen Händen und röchelte, sie hatte ihren Ellbogen gegen seine Gurgel gedrückt, mit zwei Schritten schleppte er sie ans Bett. Katja spannte all ihre Kraft an. unbegreiflich, wo sie sie hernahm, und machte sich frei: ,,Ich will nicht, ich will nicht, Bestie, Bestie … “ Sie sprang auf, und wieder warf er sich über sie. Alexej war es schwer und heiß in dem mit dem Geld vollgestopften Halbpelz. Er begann blindlings auf Katja einzuschlagen. Sie verbarg den Kopf und wiederholte mit wildem Haß durch die zusammengepreßten Zähne: ,,Schlag mich tot, schlag mich tot, Bestie, Bestie … „

Der Haken an der Tür hüpfte, Matrjona schrie aus dem Flur: ,,Mach auf, Alexej! … “ Er trat vom Bett zurück und griff sich an den Kopf. Sie klopfte kräftiger, er öffnete. Matrjona trat ein:

„Dummkopf, mach, daß du wegkommst. Sie werden gleich hier sein … „

Einen Augenblick lang starrte Alexej sie an, dann begriff er, sein Gesicht nahm einen vernünftigeren Ausdruck an. Er raffte die Tuchballen und Säcke zusammen und ging. Auf dem einzigen in der Wirtschaft zurückgebliebenen Pferd verließ er durchs Hinterpförtchen den Hof, ritt durch die Lücken in den Flechtzäunen, trabte zum Fluß hinab, und bereits am anderen Ufer galoppierte er los und verschwand im Gehölz.

Etwas später kramte Matrjona einen Rock und ein Jäckchen aus der Truhe heraus und warf sie aufs Bett, auf dem Katja ganz zerfetzt lag.

„Zieh dich an und geh aus dem Haus, man schämt sich ja, wenn man dich ansieht.“

Jakow und seine Gehilfen durchsuchten Alexejs Haus vom Keller bis zur Bodenkammer, aber das, was im Wagen verborgen lag, fanden sie nicht. In der Nacht brachte Matrjona das Pferd und fuhr nach dem Vorwerk.

Die ganze Nacht saß Katja, ohne den Pelz abzulegen, in der dunklen, kalten Hütte und wartete, bis es tagen würde. Man mußte sich in größter Ruhe alles überlegen. Sobald es tagt, muß sie fort. Wohin? Die Ellbogen auf den Tisch gestützt, preßte sie den Kopf zusammen und begann zu schluchzen. Sie ging zur Tür, wo der Eimer stand, und trank aus dem Schöpfer. Selbstverständlich nach Moskau. Aber wer von ihren alten Bekannten war dort geblieben? Alles, alles, hatte sie verloren . . . Am Tisch sitzend, schlief sie ein, und als sie heftig zusammenzuckte und aufwachte, war es schon hell. Matrjona war noch nicht zurück. Katja schob das Kopftuch zurecht, warf einen Blick in den Spiegel an der Wand: schrecklich! Und ging ins Komitee.

Sie wartete lange am Hintereingang, bis man im Haus des Popen aufgestanden war. Endlich trat Jakow mit dem Spüleimer heraus, leerte ihn auf einen Haufen schmutzigen Schnees und sagte zu Katja:

,,Und ich wollte gerade nach Ihnen schicken … Kommen Sie.“

Er führte Katja ins Haus, forderte sie auf, Platz zu nehmen, und kramte eine Zeitlang in der Tischlade.

„Ihren Mann, oder wer er sonst sein mag, werden wir erschießen.“

,,Er ist weder mein Mann, noch bedeutet er mir etwas“, erwiderte Katja rasch. ,,Ich habe nur eine Bitte: Geben Sie mir die Möglichkeit, von hier fortzukommen. Ich will nach Moskau … „

,, ,Ich will nach Moskau'“, wiederholte spöttisch Jakow, ,,Und ich will Sie vor dem Erschießen retten.“

Katja blieb bis zum Abend bei ihm sitzen, sie erzählte ihm alles von sich, von ihren Beziehungen zu Alexej. Ab und zu entfernte sich Jakow für längere Zeit, dann kam er zurück, setzte sich bequem hin und steckte sich eine Zigarette an.

,,Auf Anordnung des Volkskommissariats für Bildungswesen“, sagte er, ,,muß im Dorf die Schule wiedereröffnet werden. Sie scheinen sich ja dafür nicht allzusehr zu eignen, aber wollen wir auf jeden Fall einen Versuch machen. Außerdem sind Sie verpflichtet, mir alles mitzuteilen, was im Dorf vor sich geht. Über die Einzelheiten dieser Berichte werden wir uns später verständigen. Ich warne Sie: Wenn Sie darüber etwas ausplaudern, werden Sie aufs strengste bestraft werden. Was Moskau anbetrifft, so empfehle ich Ihnen, es vorläufig zu vergessen.“

So wurde Katja plötzlich Lehrerin. Man wies ihr ein kleines leerstehendes Häuschen neben der Schule an. Ihr Vorgänger, der Dorflehrer, ein altes Männchen, war schon im November an Lungenentzündung gestorben; die Petljurasoldaten, die eine Zeitlang in der Schule einquartiert waren, hatten alle Bücher und Hefte, sogar die Landkarte als Zigarettenpapier verbraucht. Katja wußte nicht, womit sie anfangen sollte, und ging zu Jakow, um sich Rat zu holen. Aber er war nicht mehr im Dorf. Ebenso plötzlich, wie er damals gekommen war, fuhr er ab, nachdem ihm ein Bote ein Telegramm gebracht hatte. – Er fand nur noch Zeit, dem alten Afanassi, der sich aus Furcht, seinen Einfluß einzubüßen, jetzt die ganze Zeit im Komitee betätigte, zu sagen:

„Teil den Genossen mit: nur ja keine Nachsicht mit den Bauern, nicht die geringste. Wenn ich zurück bin, werde ich mich davon überzeugen … „

Nach Jakows Abreise wurde es im Dorf still. Die Bauern kamen zum Haus des Popen, setzten sich auf den Treppenstufen nieder und sagten den Komiteemitgliedern:

„Da habt ihr ja schöne Sachen gemacht, Genossen, wie werdet ihr euch nur verantworten? … Ach, ach … „

Die Komiteemitglieder sahen selber ein, daß das mit dem „ach, ach“ stimmte und daß es rein äußerlich im Dorf still war. Jakow kam nicht zurück. Ein Gerücht ging um, Alexej Krassilnikow habe im Bezirk einen Trupp gesammelt und sich mit ihm zum Ataman Grigorjew geschlagen. Bald darauf sprach das ganze Dorf von diesem Grigorjew, der einen Aufruf erlassen hatte und Sowjetstädte brandschatzte. Wieder erwarteten die Leute Veränderungen.

Im Dorfsowjet versprach man Katja Hilfe: die Öfen zu reparieren und die Fensterscheiben einzusetzen. Katja selber scheuerte in der Schule die Dielen, putzte die Fenster und stellte die arg mitgenommenen Schulbänke auf. Sie war eine gewissenhafte Frau, und wenn sie abends allein in ihrem Häuschen saß, weinte sie, denn sie schämte sich, die Kinder zu betrügen. Was konnte sie ihnen schon beibringen – ohne Bücher, ohne Hefte. Welche Regeln konnte sie sie lehren, wo sie selber ihr ganzes Leben für regellos hielt …

Und eines Tages in der Frühe klangen vor der Schule muntere Knaben- und Mädchenstimmen auf. Sie mußte ihre ganze Selbstbeherrschung zusammennehmen. Sie kämmte das Haar glatt zurück, steckte es zu einem festen Knoten auf und wusch sich die Hände peinlich sauber. Sie öffnete die Schultür, lächelte und sagte den kleinen Buben und Mädchen, die mit ihren Stumpfnäschen zu ihr empor-blickten:

,,Guten Tag, Kinder … „

„Guten Tag, Jekaterina Dmitrijewna … „, schrien sie so hell, durchdringend und fröhlich, daß sie sich plötzlich wieder jung fühlte. Sie wies den Kindern ihre Plätze auf den Bänken an, betrat das Katheder, hob den Zeigefinger und sagte:

,,Kinder, solange wir keine Bücher, Hefte und Schreibzeug haben, werde ich euch erzählen, wenn ihr aber etwas nicht versteht, so müßt ihr mich fragen … Heute wollen wir mit Rjurik, Sineus und Truwor beginnen … „

Mit der Wirtschaft war es bei Katja schlecht bestellt.

Aus Alexejs Hof hatte sie sich nichts nehmen wollen, es fiel ihr auch schwer, mit der schmal gewordenen und finster dreinblickenden Matrjona zusammenzukommen. In Katjas Häuschen lag ein Besen an der Schwelle, auf dem Herd standen zwei irdene Töpfe und im Flur ein alter Holzkübel mit Wasser. Ihre einzige Freude war ein kleines, von einem Flechtzaun umgebenes Gärtchen: zwei Kirschbäume, ein Apfelbaum und Stachelbeersträucher. Hinter dem Zaun begann das Feld.

Als die Kirschbäume zu blühen begannen, schien es Katja, als wäre sie wieder siebzehn…..“

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