
„Straße des Erfurter Parteitages“, dieser Straßenname hat mich zu einem kleinen Ausflug in die Geschichte animiert.
Der Erfurter Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands fand im Oktober 1891 statt. Um die Bedeutung des Erfurter Parteitages zu erfassen, ist ein kleiner Ausflug in die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung hilfreich.
1874 gab es in Deutschland 2 Arbeiterparteien.
Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) unter Führung von Ferdinand Lassalle wurde im Jahre 1863 gegründet. Es war die erste Arbeiterpartei in Deutschland. Es war das große Verdienst von Lassalle, dass er dem Kampf der jungen Arbeiterklasse eine organisatorische Führungsstruktur aufzeigte. Diese Partei und ihre Anhänger wollten jedoch durch kleine schrittwiese Reformen oder auch ökonomische Kampfmaßnahmen friedlich in eine neue Gesellschaft hineinwachsen. Als Mittel dazu sah Lassalle den Kampf um das allgemeine, gleiche und das direkte Wahlrecht das Hauptmittel des politischen Kampfes.
Auf der Webseite der heutigen SPD, die ihre Tradition (irreführend) auf Lassalle begründet, spielt das direkte Wahlrecht natürlich keine Rolle mehr.
Die 2. Arbeiterpartei, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) unter der Leitung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht wurde 1869 in Eisenach gegründet. Sie vertrat die marxistische Position, dass es nur durch eine Revolution zum Sturz des Kapitalismus und der Errichtung des Sozialismus kommen kann.
Die Errichtung des Deutschen Kaiserreiches 1871, machte auch eine Vereinigung der deutschen Arbeiterparteien erforderlich, um ihren Kampf erfolgreich zu führen. Die beiden Arbeiterparteien vereinigten sich 1875 in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands.
Dort waren die Lassallianer in der Überzahl. Bebel und Liebknecht mussten Zugeständnisse beim Programm machen, um überhaupt die Einigung der Arbeiterklasse zu erreichen. Marx kritisierte demzufolge auch das Gothaer Programm.
Um die wachsenden Erfolge der Arbeiterklasse zu bekämpfen erließ der deutsche Kanzler Bismarck 1878 die Sozialistengesetze. Hier wurde eine gesetzlose Willkür gegen alle fortschrittlichen Arbeiter in Gesetzesform gegossen. Nach 12 Jahren Kampf gewann die Arbeiterpartei jedoch 1890 mit 1,4 Millionen Stimmen ihr bestes Wahlergebnis. Das Sozialistengesetz hatte seinen Zweck verfehlt und wurde aufgehoben.
In der Arbeiterklasse festigte sich daher die Erkenntnis, dass man nur über den Klassenkampf den Sieg erringen kann. Ein neues Parteiprogramm, dass auf diesen Erfahrungen fußte musste entworfen und verabschiedet werden. Das geschah auf dem Erfurter Partei 1891.
Also ein sehr bedeutsamer Augenblick in der Entwicklung des Klassenkampfes in Deutschland. Kunst am Bau zu suchen kann ja so bildend sein.